Rund 60 Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung von MdL Hermino Katzenstein, dem Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen Sinsheim und der Sinsheimer Arbeitsgemeinschaft Migration e.V. (SAM e.V.) ins SAM Café. Unter dem Titel „Migration verstehen, Vielfalt leben – Perspektiven einer offenen Gesellschaft“ stand ein Thema im Mittelpunkt, das politisch oft laut und kontrovers diskutiert wird. Die Veranstaltenden setzten bewusst auf ein differenziertes, faktenbasiertes und dialogorientiertes Gespräch.
Eröffnet wurde der Abend mit dem Hinweis, dass Migration „nicht vorübergehend, sondern vielschichtig“ sei und Gesellschaften seit jeher präge. Angesichts aktueller Debatten seien neue Formen des Dialogs notwendig.
„Wir müssen den Lärm der Schlagzeilen hinter uns lassen und wieder sachlich darüber sprechen, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.“ – so der Gastgeber.
Warum dieser Austausch gerade jetzt so wichtig sei, wurde mit drei zentralen Entwicklungen begründet: dem zunehmenden Fachkräftemangel, globalen Migrationsbewegungen und der kulturellen Dynamik, die eine vielfältige Gesellschaft hervorbringe.
Impuls von Daniela Evers: Migration als Realität einer modernen Gesellschaft

Als Hauptreferentin war Daniela Evers MdL, rechtspolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion, zu Gast. Sie ordnete die aktuelle Situation rechtspolitisch und gesellschaftlich ein und machte deutlich, dass Migration kein Ausnahmezustand, sondern Realität einer vernetzten Welt sei.
„Migration ist Teil unserer Geschichte und unserer Zukunft. Sie bereichert unsere Gesellschaft kulturell, sie stärkt unseren Arbeitsmarkt, aber sie verlangt uns auch ab, Verfahren zu beschleunigen und Barrieren abzubauen,“ so Evers.
Sie betonte den Reformbedarf insbesondere bei Visaverfahren und der Anerkennung ausländischer Qualifikationen, damit Menschen schneller in Arbeit und Gesellschaft ankommen könnten, warnte aber davor, die Nützlichkeit von Menschen im Diskurs in den Vordergrund zu stellen.
SAM e.V. als Motor der lokalen Integrationsarbeit

Ein besonderer Dank galt dem Verein SAM e.V., der seit vielen Jahren eine zentrale Rolle in der Sinsheimer Integrationsarbeit spielt. Der Verein unterstützt Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung durch Beratung, Begleitung, niedrigschwellige Angebote und ein breites Netzwerk.
Das SAM Café, das als „Wohnzimmer der Kulturen“ gilt, bot den idealen Rahmen für die Veranstaltung. Hier wird Integration bereits im Alltag gelebt – durch Marktfrühstücke, das Nähcafé, Kulturveranstaltungen oder einfach im Miteinander bei einer Tasse Kaffee.
Katzenstein würdigte diese Arbeit ausdrücklich:
„SAM e.V. schafft die Räume, die es braucht, damit aus einem Nebeneinander ein echtes Miteinander wird, und zwar auf Augenhöhe.“
Fishbowl-Gespräch mit großer Beteiligung
Im Anschluss an den Impuls von Daniela Evers fand eine Fishbowl-Diskussion statt, die zahlreiche Stimmen zusammenbrachte. Teilnehmende waren unter anderem Menschen mit eigener Migrationserfahrung, Beraterinnen und Berater aus der Sozial- und Migrationsarbeit und Ehrenamtliche, die seit Jahren Menschen auf der Flucht begleiten.
In der Diskussion ging es um persönliche Erfahrungen, bürokratische Hindernisse sowie um erfolgreiche Beispiele gelungener Integration. Mehrere Betroffene schilderten eindringlich ihren Weg durch langwierige Verfahren und unsichere Lebenslagen – aber auch die Unterstützung, die sie in Sinsheim erfahren haben. Gleichzeitig wurde aber auch der Wunsch geäußert, postmigrantischen Perspektiven stärker Gehör zu verschaffen, also den etablierten Integrationsbegriff durch das Anerkennen der vielfältigen Gesellschaft zu ersetzen.
Durch den offenen Stuhl im Fishbowl-Kreis beteiligten sich viele Besucherinnen und Besucher aktiv an der Diskussion. Die Stimmung blieb trotz sensibler Themen wertschätzend und konstruktiv.
Ausblick: Mehr Tempo, mehr Transparenz, mehr Orte der Begegnung
In der Schlussrunde wurden politische und praktische Verbesserungsvorschläge benannt. Evers plädierte für ein schnelleres, klareres und menschlicheres System:
„Wir brauchen Verfahren, die den Menschen gerecht werden. Integration gelingt dort gut, wo Bürokratie nicht ausbremst.“
Katzenstein betonte abschließend die gesellschaftliche Bedeutung des Themenabends:
„Migration ist eine Chance, für unsere Wirtschaft, für unsere Kultur, für das Zusammenleben vor Ort. Aber sie gelingt nur, wenn wir hinschauen, zuhören und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.“
Der Abend endete mit zahlreichen Gesprächen im SAM Café – ein Zeichen dafür, wie wichtig offene Räume und echte Begegnungen für ein gutes Miteinander sind.