Rund 100 Besucherinnen und Besucher kamen am vergangenen Samstagabend ins Martin-Luther-Haus in Neckargemünd zu einem literarisch-musikalischen Abend über das Älterwerden.
Unter dem Titel „Doch der letzte Vorhang klemmt noch“ hatte ich zu dieser Veranstaltung eingeladen, in der die Literaturgruppe Boxberg/Kleingemünd Humor, Nachdenklichkeit und Lebenserfahrung auf eindrucksvolle Weise zusammenführte.
Zu Beginn des Abends habe ich ein paar einleitende Worte gesprochen. Sie kreisen um das Älterwerden, um Kultur als gesellschaftliche Kraft und um die Frage, für wen wir Politik machen.
Zwischen klemmenden Vorhängen und neuen Aufbrüchen
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste,
‚Der letzte Vorhang klemmt noch.‘
Wenn man diesen Titel hört, muss man unwillkürlich schmunzeln. Er beschreibt diesen wunderbaren Moment des Widerstands:
Dass eben noch nicht alles gesagt ist. Dass wir uns nicht so einfach von der Bühne schieben lassen – weder im Leben noch in der Gestaltung unserer Gesellschaft.
Heute Abend feiern wir das Alter, die Texte und die Lieder, die davon erzählen. Und wir feiern damit gleichzeitig das Leben in all seiner Tiefe und seinen Ecken und Kanten.“
Viele von Ihnen wissen, dass mein Alltag oft im Takt der Schienen stattfindet. Wenn ich im Zug zum Landtag nach Stuttgart sitze, sind meine Kopfhörer ein wichtiger Begleiter. Zwischen Akten, E-Mails und Termindruck ist es die Musik, die mir den Raum gibt, nachzudenken.
Musik ordnet die Gedanken.
Und sie erinnert mich daran, für wen wir Politik machen: Nicht für Statistiken, sondern für Menschen, die fühlen, die hoffen und die – wie wir heute Abend – auch mal über sich selbst lachen können.
Kultur ist kein ‚Bonus‘ für gute Zeiten. Sie ist der Puls unserer Gesellschaft. Und diesen Puls brauchen wir, besonders jetzt.
Dieser Abend ist aber auch ein besonderer für mich persönlich. Er ist der Auftakt in die finalen Wochen des Wahlkampfs. Und wenn wir über den ‚klemmenden Vorhang‘ sprechen, dann passt das eigentlich ganz gut zur aktuellen politischen Lage.
In der Politik gibt es viele, die schnell den Vorhang zuziehen wollen, die einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen oder die meinen, man könne die Zeit einfach zurückdrehen.
Sie werden in den nächsten Wochen viele Slogans hören. Die CDU wirbt mit dem Satz: ‚Politik für ganz normale Leute‘.
Ich habe mir das lange angeschaut und mich gefragt: Wer bitte sind denn diese ‚normalen‘ Leute?
Und wer ist dann folgerichtig ‚unnormal‘?
Sind die Künstler:innen die uns heute Abend mit ihren Texten berühren, etwa nicht ‚normal‘?
Sind Menschen mit Behinderungen nicht ‚normal‘?
Sind Geflüchtete, die hier Schutz und eine neue Heimat suchen, außerhalb dieser Norm?
Wenn man Menschen in ‚ganz normal‘ und ‚den Rest‘ unterteilt, dann fängt die Spaltung an. Ich sage Ihnen: Ich, wir Grüne machen keine Politik für eine fiktive ‚Norm‘. Wir machen Politik für Menschen. Für den Senior, der Unterstützung braucht; für die Familie, die sich Sorgen um die Zukunft macht; für die Künstlerin, die uns den Spiegel vorhält. Eine Gesellschaft lebt nicht vom Durchschnitt – sie lebt von jedem Einzelnen, egal wie sehr sein persönlicher Lebens-Vorhang vielleicht gerade klemmt.
Ich trete an, weil ich überzeugt bin: Wir brauchen keine leeren Versprechen, sondern eine Politik, die zuhört – so wie wir heute Abend den Texten und Liedern zuhören. Wir brauchen eine Politik, die weiß, dass Erfahrung (das ‚Alter‘) und frischer Mut kein Widerspruch sind.
Wir lassen den Vorhang nicht einfach zufallen. Wir sorgen dafür, dass die Bühne bereit ist für die nächste Generation und für ein Miteinander, das diesen Namen auch verdient.
Jetzt aber gehört die Bühne den Künstlern. Lassen wir uns inspirieren, lassen wir uns berühren – und nehmen wir diese Energie mit in die kommenden Wochen.“