RNZ Eberbach / Eberbacher Zeitung vom 30.08.2018 über mein Praktikum beim Biobauern

 

Schönbrunn-Moosbrunn

Grüner Landtagsabgeordneter macht Bauernhof-Praktikum

Morgens um 7 Uhr wird ausgemistet – Zwischen Politik und Rindviechern gibt es für Hermino Katzenstein keine Berührungsängste

30.08.2018, 06:00 Uhr

Bio-Bauer Philipp Danzeisen (l.) und sein Tagespraktikant, der Grünen-Landtagsabgeordnete Hermino Katzenstein, treiben das Vieh vom Stall auf die Weide. Foto: Elisabeth Murr-Brück

Von Elisabeth Murr-Brück

Schönbrunn-Moosbrunn. Es ist wie im Büro: Eine gibt den Ton an, die andere teilt aus, die dritte zickt, eine kriegt den Frust ab. Diesmal hat es Nr. 70 getroffen, eine Attacke von Nr. 33, eine Art Kuh-Kuss mit Horn. Kuh Nr. 33 ist stierig und daher leicht gereizt. Die Rindviecher von Bauer Danzeisen in Moosbrunn haben schon auch Namen, aber Nummern erleichtern den Arbeitsablauf, ganz besonders, wenn man die Tiere so wenig kennt wie Hermino Katzenstein.

Morgens um 7 Uhr ist der Landtagsabgeordnete der Grünen aus Neckargemünd zum Stalldienst angetreten. Mit Praktikant Theo hat er den Kälbern kuhwarme Milch („Sie muss 37 Grad haben“) zum Frühstück gebracht, aus Eimern mit Tüllen, die den Kuh-Zitzen nachgebildet sind. Danach geht es ans Misten. Das, was bei der Kuh hinten raus kommt, wird hinten auf der Wiese in einer kleinen Biogas-Anlage zu grüner Energie; auf dem Hof ist alles „Bio“.

Aber erst mal müssen Theo und Katzenstein den ganzen Mist mit einem Schieber in den Mittelgang schieben, ein Band befördert alles nach draußen. Auf die Liegeboxen der Kühe bringen sie frisches Stroh, dann werden die Kühe gefüttert. Katzenstein hilft Philipp Danzeisen dabei, Nr. 70 in den Behandlungsstand zu bugsieren, der Bodycheck vom Vortag hat sich zur fetten Beule entwickelt, ein Bluterguss. Vorsichtig massiert ihn Danzeisen mit einer kühlenden und abschwellenden Salbe, der Kuh tut es offensichtlich gut.

Katzenstein ist sportlich und durchtrainiert, aber nach vier Stunden spürt er die Anstrengung durchaus: „Wer in der Landwirtschaft arbeitet, braucht kein Fitness-Studio.“ Und er hat nur einen Teil der Arbeiten erledigt, die hier 365 Tage im Jahr getan werden müssen.

Warum macht er das? „Als Politiker ist es mir wichtig, nicht nur über die Menschen zu reden, sondern mit ihnen und zwar dort, wo sie leben und arbeiten.“ Wenn er sie in ihrem Alltag erlebt, kann er besser verstehen, was sie bewegt, wo die Probleme sind und warum sie da sind. Vorige Woche hat er im Naturparkhaus Wandertafeln abgeschliffen und dabei erfahren, mit welchem Aufwand die Wegmarkierungen instand gehalten werden.

Dass bei jeder Abzweigung nach kurzer Distanz eine zweite Sicherheitsmarkierung angebracht wird, war auch ihm neu. Für einen dritten Praktikumstag besucht er die Autobahn-Polizei am Walldorfer Kreuz: Verkehrspolitik, auch ein Schwerpunkt seiner Arbeit, live an einem Ort, wo es immer wieder kracht.

Kurz vor Mittag dürfen die Tiere auf die Weide. Ob er Angst habe, hat Danzeisen Katzenstein gefragt. „Angst nicht, aber Respekt“ hat der geantwortet und das ist gut so. So eine Kuh hat locker die dreifache Körpermasse des Schnupper-Praktikanten.

„Kühe spüren, wenn jemand Angst hat“, sagt Philipp Danzeisen. Wie viele Tiere riechen sie die winzigen Duftmoleküle der Pheromone, die Bullen noch mehr als die Kühe und damit ist klar, wer das Sagen hat. Aber der Bulle ist auf der anderen Seite, der ist Chef-Sache wie die Diven, einige Kühe mit schwierigerem Naturell.

Kühe unterscheiden sich in ihrem Charakter wie Menschen, aber die sozialen Regeln werden von ihnen in aller Regel akzeptiert. Dem Alpha-Tier, der Leitkuh, weichen die anderen aus. Das ist Natur, erklärt Philipp Danzeisen. Jetzt geht es raus in die Natur, das, was für ihn die „Odenwälder Alpen“ sind. Das wellige Auf und Ab der Hügel hat durchaus was von Alpenvorland.

Wenn es im Frühling das erste Mal auf die Weiden geht, sind die Tiere aufgedreht wie Schulkinder in der großen Pause, auch jetzt genießen sie den Auslauf sichtlich. Katzenstein bewegt sich jetzt ganz selbstverständlich zwischen ihnen. Es gibt keine Berührungsängste zwischen Politik und Rindviechern.

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