Erinnern ist wichtiger denn je

Kalte Windböen fegen über den Marktplatz in Waibstadt.  Auch der 22. Oktober 1940 war ein kalter Tag, erzählen die Jugendlichen der Realschule Waibstadt bei der Gedenkfeier zum Jahrestag der Verschleppung der aus Baden, der Pfalz und dem Saarland stammenden Deutschen jüdischer Herkunft. Die Menschen hatten nur zwischen 30 Minuten und zwei Stunden Zeit, um ein paar Habseligkeiten zusammen zu packen. Insgesamt 6504 Personen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland wurden ausgewiesen, darunter auch sechs Einwohner Waibstadts.

Abwechselnd beschreiben die Schülerinnen und Schüler die Strapazen des Transports, die Zustände im fernen Internierungslager, die Hoffnungslosigkeit. Sie nennen Namen und Schicksal der betroffenen Waibstädter Bürgerinnen und Bürger, zünden für Jede/n eine Kerze an und stellen sie auf die Mauer beim Mahnmal.  

Dieses hatte 2010 eine Schülergruppe der Realschule zusammen mit einem ansässigen Bildhauer gestaltet. Mit den abwechselnd hell- und dunkelgrauen Steinplatten erinnert es an die gestreifte Kleidung der Häftlinge im KZ. Ein gleich gestalteter Stein findet sich in Neckarzimmern als Teil einer großen  Bodenskulptur, die in der Form eines Davidsterns die Gedenksteine aller beteiligten Deportationsorte versammelt. An jedem dieser Orte haben sich Jugendgruppen oder Schulklassen aktiv mit der Deportation nach Gurs auseinandergesetzt und zu diesem ökumenischen Mahnmalprojekt beigetragen.

In Waibstadt ist die Erinnerungsarbeit bis heute lebendig. Dies verdankt sich nicht zuletzt dem herausragenden Engagement von Marion Guttman, die Vorsitzende des Vereins „Jüdisches Kulturerbe im Kraichgau“ und zugleich Lehrerin an der Realschule Waibstadt ist. Im Rahmen der dortigen Projektgruppe „Judentum im Kraichgau“ arbeitet sie projektbezogen mit verschiedenen Partnern wie der Stadt, mit Nachbarorten, anderen Schulen, Initiativen und Heimatvereinen zusammen.

Schülerinnen und Schüler beteiligen sich an der Pflege des jüdischen Friedhof und des Mausoleums in Waibstadt und haben die Reinigung der Stolpersteine übernommen, die seit 2012 in Waibstadt und Neidenstein verlegt wurden.

Vor zwei Jahren haben zwei Schüler eine Powerpoint-Präsentation zum Projekt Stolpersteine im Gemeinderat in Neckarbischofsheim gehalten und die Stadträtinnen und Stadträte über das Projekt informiert. In sehr guter Erinnerung habe ich auch die beeindruckende und sehr gelungene Ausstellung „Spuren Jüdischen Lebens“, die sich im Dezember 2015 im Alten Schloss in Neckarbischofsheim diesem Thema widmete.

Am 10. November ist es nun soweit: Die ersten 15 Stolpersteine werden in Neckarbischofsheim verlegt. Gern wäre ich dabei, aber mein gut gefüllter Terminkalender hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nicht zuletzt gestaltet Marion Guttman jedes Jahr am 22. Oktober mit den Jugendlichen und abwechselnd mit einem Vertreter der beiden Kirchen hier auf dem Marktplatz den Gedenktag der Deportation nach Gurs.

Auch dieses Schuljahr sind wieder Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren aus sechs verschiedenen Klassen mit ihr auf Spurensuche gegangen. Sie haben ihre Freizeit geopfert um sich freiwillig mit einem der düstersten Kapitel der Heimatgeschichte zu beschäftigen. Sie wollten wissen, was sich an diesem Tag zugetragen hat, warum ein gnadenloses und verbrecherisches Regime Menschen „abschieben“ konnte, die als Juden im Kraichgau seit Jahrhunderten verwurzelt waren, die Nachbarn gewesen waren oder auch Mitschülerinnen. Sie haben das Mahnmal in Neckarzimmern besucht und gestalten heute am Jahrestag der Deportation die Gedenkfeier aktiv mit.

Er frage sich, wie es zu diesem Schweigen – auch der Kirche – kommen konnte, sagt Jonas Rühle, Pfarrer der Kirchengemeinden Daisbach und Waibstadt. Und das, obwohl das jüdische Erbe doch in Jesus und in der Bibel fortlebe. In den biblischen Geschichten und Psalmen gebe es trotz allem Vieles, das Mut mache, für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

Gemeinderätin Martina Sigmann liest den „Kaddisch der Trauernden“. Es ist eine Lobpreisung Gottes, die tröstlich klingt, ebenso wie die beseelten Töne der „Tacheles Klezmer Band“, die das Herbstlaub auf dem grauen Pflaster zum Tanzen bringen.

 

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