„Bei uns geht es nur bergauf“

Eltern wollen immer das Beste. Doch was tut meinem Kind wirklich gut? An der Sonnenbergschule in Angelbachtal hat man da eine klare Meinung: Kinder und Jugendliche, so die Überzeugung, profitieren von kleinen Klassen, einem familiären Schulklima und individueller Förderung.

All das biete die Sonnenbergschule in Angelbachtal, doch seit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung sehen Schulleitung und Lehrer die Tendenz, dass Eltern durch falschen Ehrgeiz ihr Kind überfordern und eine zu anspruchsvolle Schulart wählen.

Nicht wenige Kinder blieben in vollen Klassen von Gymnasien oder Realschulen auf der Strecke. Das führe oftmals dazu, dass sie sich ein oder zwei Jahre später mit Frusterlebnissen und angeknackstem Selbstwertgefühl an der Werkrealschule wiederfinden.

Für die fünfte Klasse hatten sich im laufenden Schuljahr an der Werkrealschule nur elf Schüler angemeldet. Ein Antrag auf Weiterentwicklung zu einer Gemeinschaftsschule wurde abgelehnt.

Im Rahmen eines Schulbesuchs stellte sich Landtagsabgeordneter Hermino Katzenstein (Grüne) den Fragen der Zehntklässler und sprach mit Schulleiter Ulrich Schwenk, Konrektor Hans-Werner Pichner, Elternbeiratsvorsitzendem Jan Kritter und den Lehrerinnen Andrea Fröhlich, Martina Tschirner und Christina Linse über die Perspektiven der Schule.

Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich unter anderem für die Aufgaben eines Landtagsabgeordneten, seine persönliche Motivation und das Verhältnis zu anderen Parteien wie der AfD. Ein Schüler fragt gezielt nach der Förderung klimaneutraler Verkehrsmittel. Vor allem den Pädagogen geht es aber auch um die Perspektive der Jugendlichen. Der Werkrealschulabschluss ist dem Realschulabschluss formal gleichgestellt. Doch warum ist er bei Betrieben weniger angesehen? Warum fordern Handwerksmeister bei Stellenausschreibungen die Hochschulreife?

„Gleichzeitig jammert die Industrie über Fachkräftemangel“, merkte Katzenstein an. Sinn und Zweck des Abiturs sei es doch, auf ein Studium vorzubereiten, nicht auf einen Ausbildungsberuf.

Die Werkrealschule der Sonnenbergschule sei die letzte ihrer Art im Umkreis, betonte der Schulleiter, der selbst erst auf dem zweiten Bildungsweg die Hochschulreife erworben hat, und schickte hinterher: „Bei uns geht es nur bergauf.“ Vor allem Eltern, deren Kinder einen besonderen Förderbedarf haben, etwa aufgrund von ADS oder einer Lese-Rechtschreibschwäche, schätzten klar strukturierten Unterricht und kleinere Klassen für individuellere Betreuung. Auch Kinder mit Deutsch als Zweitsprache profitierten von den familiären Strukturen. „Wir kennen noch jeden Schüler und können Ausbildungsplätze vermitteln“, betont Verbindungslehrerin Andrea Fröhlich.

Schulsozialarbeit spiele eine wichtige Rolle wenn es darum geht, Konflikte zu lösen und ein positives Lernklima zu schaffen. Sie entlaste zugleich die Lehrer, die sich mehr auf die Bildungsziele konzentrieren könnten.

Geschwächt habe die Werkrealschule neben dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung auch die Entscheidung des Kultusministeriums, Realschulen ab Klasse 7 auch das Niveau der Hauptschule mit dem entsprechenden Abschluss anbieten zu lassen.

Katzenstein sieht den herkömmlichen Ansatz des dreigliedrigen Schulsystems, Kinder nach Leistung (aus-) zu sortieren, zwar kritisch. Doch er räumt ein: Kinder sind unterschiedlich und die vielfältige Schullandschaft in Baden-Württemberg bildet diese Verschiedenheit ab. Daher appelliert er an die Eltern, genau hinzusehen, welche Schule für ihr Kind tatsächlich die beste ist.

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