9. und 10. Juni – von Policoro nach Terranova

Diesmal brechen wir früh auf, denn wir müssen auf den Pass, wissen noch nicht, ob wir nach Terranova fahren (ca. 1000 hm) oder nach San Lorenzo Bellizzi (ca. 1500 hm). Mit dem Gepäck wollen wir das nicht in der allergrößten Mittagshitze bewältigen.

1030989~01

Um 6.30 Uhr geht es los und wir finden eine sehr schöne offene Bar in Policoro, um noch kurz zu frühstücken. Nach den ersten Kilometern geht es dann wieder mit einer Bundesstraße weiter, gut, dass wir so früh unterwegs sind, es ist noch relativ wenig Verkehr. Die Straße ist trotzdem sehr unangenehm zu befahren und ‚als Ausgleich‘ haben wir auch kräftigen Gegenwind. Macht keinen Spaß. Zuletzt überholt uns noch ein Lastwagen in einem Tunnelausgang so, dass wir fast von der Straße gepustet werden. Mir ist das schon in Kroatien zweimal passiert, aber Hermino ist wirklich hell empört.

Schließlich können wir abbiegen, nun geht es bergauf, die Landschaft kann wieder wahrgenommen werden, wir fahren in den Pollino-Nationalpark hinein, der tatsächlich grenzüberschreitend (Basilicata – Calabria) ist. In den 80er oder 90er Jahren sollte hier ein großes Wintersportgebiet entstehen. Die Bevölkerung jubelte den Plänen jedoch nicht zu, sondern organisierte sich dagegen. Manchmal geht doch was. Und trotz diverser Verschleppungspläne konnte dieser geschützte Nationalpark dann entstehen.

Die Strecke ist nicht besonders steil, wir sind schon in heißerem Klima gefahren, aber meine Beine sind in schlechter Form. Obwohl mir das peinlich ist, nimmt Hermino mir das gesamte Gepäck ab und schleppt Alles alleine hoch. Der Schweiß spritzt, aber er behauptet, es sei nicht ZU anstrengend. Ohne Gepäck komme ich dann auch gut an und wir sind schon vor Mittag in Terranova.

1040006~011040010~011040011~01

1040015~011040022~011040019~02

[Eindrücke von unterwegs]

Das gibt mir die Chance, die Sächelchen, die ich für Emilys Geburtstag unterwegs besorgt habe, doch noch zu verschicken – die Post ist bis 13.45 Uhr geöffnet. Das Verschicken in Italien ist wie gehabt nicht einfach: Ich bin schlau geworden nach der Erfahrung in Triest und besorge gleich eine italienische Postschachtel in der Post. Dann muss ich Zettel mit mehreren Durchschlägen ausfüllen UND das Paket beschriften, vom Preis wollen wir gar nicht reden. Schließlich – ich bin schon auf dem Weg hinaus, ruft mir die Beamtin hinterher, wo ich denn die Karte mit meiner Steuernummer hätte – na wunderbar, natürlich kenne ich meine Steuernummer auswendig, aber wozu braucht die italienische Post sie, dazu noch auf einer Karte, die ich gar nicht besitze. Die Beamtin muss erst telefonieren, um zu klären, dass es eine Kopie meines Personalausweises in diesem besonderen Fall auch täte – sie tippt sich an die Stirn – la burocracia – siamo in Italia!

Wir beschließen, in Terranova zu bleiben, es gefällt uns hier und wir finden ein nettes Hotel. Abends gehen wir im „roten Mond“, la luna rossa, essen. Und das ist ein echter Gewinn. Zunächst gibt eine Terasse mit einem supertollen Panoramablick. In dem Bemühen, den auch von innen zu genießen, reiße ich gleich mit gekonntem Schwung den Vorhang samt Vorhangstange herunter. Der Koch lässt es uns nicht spüren. So gut haben wir auf der Reise und auch sonst noch nicht oft gegessen. Etwas ganz Besonderes. Hermino isst ein Menü: Salami, Schinken, Käse aus der Umgebung als Vorspeise (davon wäre ich schon satt gewesen, aber ich habe ja auch nicht das Gepäck hochgezogen); als ersten Gang typisch lucanische Pasta mit einer Tomatensauce und einer Art Brotkrümeln, auch sehr gut; dann als Hauptgang verschiedene Fleischsorten, wunderbar gewürzt zubereitet mit selbst fittierten Kartoffelchips. Abschließend – daran beteilige ich mich, eine Art Teigtaschen mit einer Füllung vom Feinsten und einen decoffeinierten Espresso. Ich beschränke mich, außer dem Nachtisch auf einen Hauptgang: ein Stück Lamm mit Rosinen und Zwiebeln zubereitet – es schmeckt wunderbar. Auch der Wein ist gut, wenn der materanische ihn auch noch etwas übertroffen hat. Wir waren die Einzigen im Restaurant hier oben an einem Dienstag. Der Ort lebt überwiegend vom Tourismus, aber trotz der Feinschmeckerqualität ist es nicht einfach, Leute hier hoch zu bekommen außer an den Wochenenden und im August – es ist zu abgelegen.

1040044~011040039~011040037~01

Das kulinarische Erlebnis hat uns bestochen und wir beschließen, einen weiteren Tag zu bleiben, ich mal nur zum Faulenzen und auf Stand-kommen mit unseren Berichten und Hermino will mal eine Runde ohne Gepäck fahren.

[Hermino:] Genau: Ein Tag in den Bergen zur freien Verfügung – dass  muss ich noch ausnutzen um eine Runde ohne Gepäck und ohne Anhäger zu drehen – heute kann ich es „laufen lassen“, bergauf und vor allem bergab (mit Hänger gehen mehr als 60 km/h definitiv nicht). Der Blick beim Frühstück auf die Karte ist vielversprechend: ein Rundkurs mit ca. 90 km und zweieinhalb Anstiegen (ca. 2000 Hm) ist doch genau das Richtige für den verlängerten Vormittag. Schließlich will ich doch auch ordentlich Kilometer für das „Stadtradeln“ in Mauer sammeln, als Mitglied des örtlichen Sportvereines zählen meine im Urlaub gesammelten Strecken nämlich auch.

Direkt vor dem Hotel kommt erstmal eine klare Ansage – hoch zum Ort auf die Landstraße sind es zwar nur 80 Hm – aber die gleich knackig mit 15 %. Ich freue mich sehr, dass wir die morgen (mit Gepäck) nicht fahren müssen. Auf der Landstraße erwarten mich weitere Rampen mit zweistelligen Steigungswerten, tollen Ausblicken und kreativen Straßenbaumaßnahmen.

tmp_14084-DSC_0301~01538029465tmp_14084-DSC_0287~01448728516tmp_14084-DSC_0302~01-1425756961

Im nächsten Ort muss ich laut meiner (groben) Karte rechts ab und den Berg hoch. Die Schnittmenge zwischen den Ortsangaben auf meiner Karte und den Wegweisern beträgt genau Null. Auch die im Ort befindliche Tafel mit eine Landlkarte hilft keineswegs, denn sie besticht durch eine weitere kreative Art der Gestaltung. Straßen und Ortsbezeichnungen sind hier von nachrangiger Bedeutung, wer braucht denn sowas…

Ich vertraue meinem guten Orientierungsinn und nehme den ersten Abzweig bergauf und werde mit einer kleinen Serpentinenstraße mit durchgehender 11 – 13 % Steigung und Schlaglöchern, in denen ein Kleinwagen Platz, hat belohnt. Dass nach einiger Zeit den Leuten der Asphalt ausgegangen ist, stört auch keinen großen Geist, der Ausblick ist prima und das Wetter auch. Hinter der Kuppe wird gleich sicher wieder die asphaltierte Straße weiter gehen. Oder auch nicht. Zumindest erstmal. Denn tatsächlich  gelange ich auf wieder auf Asphalt und freue mich schon, aber deutlich zu früh, denn nach 150 Metern endete dieses Stück Rennradlerglück wieder an einem verlassenem Gebäude, so einer Art Jugendheim (?). Weiter führt nur ein Waldweg, daher kehre ich um. Kaum zu glauben, just in dem Moment kommt ein Fahrzeug an. Es dauert einige Minuten, bis ich klar machen kann, in welche Richtung ich eigentlich will (ich fuhr ja gerade zurück!), doch der Mann macht mir Hoffnung, die „STRADA“ führe genau dorthin. Juchee, denke ich und mache mich auf den Weg in den Wald. Doch meine Euphorie bekommt doch einen deutlichen Dämpfer: Hier in den süd-süditalinieschen Bergen versteht man unter „Strada“ keineswegs eine Straße oder einen fahrbaren Weg, sondern ein Flussbett, welches mit geländegängigen Allradfahrzeugen auf einigen Abschnitten vielleicht befahrbar ist.

tmp_14084-DSC_0296~01-220749517tmp_14084-DSC_0295~01-1761064271tmp_14084-DSC_0293~01561448003

 

 

 

 

Sagte ich schon, dass ich nicht mit MTB oder Crossrad sondern einem Straßenrennrad hier unten bin? Nun ja, wer sein Rad liebt (was ich unbestreitbar tue), der schiebt halt. Gerne auch durch Pfützen oder Bachläufe. Nach wenigen (!) km aber sehr vielen Minuten erreiche ich eine Art Hochebene, von dort führt ein geschotterter, fahrbarer Weg hinab, dem folge ich für einige Zeit, doch ich verliere dabei kaum an Höhe. Der Blick in das Tal, in welches ich ja letztendlich will, ist zwar wunderbar, aber ich bin auf knapp 1400 Metern und müsste rund 800 Höhenmeter langsam auf ungewissem Untergrund herabrollen, um dann noch mindestens 70 km und 1500 Hm vor mir zu haben.  Da morgen eine weitere mittelschwere Etappe mit Gepäck vor uns liegt, breche ich meinen Plan „Laufen lassen“ an dieser Stelle frustriert ab und kehre um. Da mein Garmin den zurückgelegten Track anzeigt, finde ich ohne Probleme zurück zum Hotel – und kann noch auf dem Weg ein paar Bilder mit dem Handy machen.

tmp_14084-DSC_0303~01-2139921869tmp_14084-DSC_0289~01672916503

Den Rest des Tages vebringen wir ruhig – ich putze erst die Räder und dann mich, anschließend schlendern wir durch den Ort, trinken Capuccino und stellen fest, dass die angegebenen Öffnungszeiten der kleinen Läden sich wohl auf die Winterzeit beziehen. Abends essen wir im Hotel ausgezeichneten Käse aus dem Ort, Wurst und selbstgemachte Feigenmarmelade begleitet von leckeren Rotwein. Einfach, aber gut!
PS: Ich war auf dem richtigen Weg – die Karte zeigt dort eine durchgehende Verbindung an…

63 km, 980 Hmin

Hermino am Ruhetag: 35 km, 1200 Hm

 

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld