22. Mai – von Bovec nach Nova Gorica

Als wir aufwachen, stürmt es heftig. Wir haben heute 80 km zu fahren, nach Nova Gorica und wollen das auch nicht aufschieben. Für Sonntag haben wir eine Dampflokfahrt von Jesenice nach Nova Gorica geplant und wir wollen am Freitag eine Unterkunft finden, wo wir Räder und Gepäck lassen können. Wir warten also ein bisschen, fahren dann aber. So ein Glück, wir haben überwiegend Rückenwind. Da wir einen größeren Bögen und ein paar Schleifen fahren müssen, bekommen wir aber auch zu spüren, was diese Windstärken als Gegenwind bedeuten – man kommt kaum vom Fleck. Die Straße ist ziemlich wellig, aber nicht steil und wir haben den Eindruck, dass wir für jeden Höhenmeter, den wir klettern, zwei herunterfahren. Das erweist sich als nicht so falsch, denn Bovec liegt auf einer Höhe von etwa 600 und Nova Gorica bei 100 Metern – am Ende sind wir dennoch 790 Höhenmeter gefahren.

Bis Kobarid sind die Abfahrten nicht ohne. Es stürmt heftig, solange wir Rückenwind haben, werden wir sehr schnell, müssen aber immer mit Verwirbelungen und plötzlichen Windstößen von der Seite rechnen, wenn die Straße sich schlängelt und die Felsen sich plötzlich zu breiteren Talausschnitten öffnen. Eine ziemliche Konzentrationsleistung. Kobarid ist dann nach etwa einem Drittel der Strecke unser erster „Kaffeepunkt“. Hier gibt es gleich zwei Museen zur Isonzofront, Hermino hätte sehr gerne mindestens eins besucht, aber angesichts von Wind und Wolken entschließen wir uns, lieber weiterzufahren. Ein kurzer Guss während wir im Café sitzen – wir haben doch momentan immer Glück!

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[Im Café in Kobrid hängen lauter Bilder von Rennradfahrern. Es gab wohl eine starke Mannschaft, die aber nicht mehr finanziert werden kann;Mitte und rechts: Kanal]

Die nächste Station für einen kurzen Halt sollte Kanal sein. Wir laufen einmal durch den sehr hübschen kleinen Ort, aber im Café dauert es so lange, überhaupt mit einem Wunsch durchzudringen, dass wir weiterfahren. Ab hier wird die Hauptstraße, die wir von Anfang an befahren haben (wegen des Wetters hatten wir auf die geplante Nebenstreckenroute verzichtet) richtig unangenehm. Bisher wenig befahren, folgt jetzt zwei Autos ein Lastwagen. Schließlich wechseln wir auf die andere Flussseite und finden in Plave eine nette kleine Gaststätte und zwei Radfahrer, die uns Fragen zu Slowenien beantworten und einen – noch nicht offiziell eröffneten – Radweg nach Nova Gorica auf dieser Flusseite empfehlen.

Sehr auffällig: Wir haben bisher in Slowenien nicht eine einzige protzige Villa oder ein „Anwesen“ zu Gesicht bekommen. Die Häuser sind einfach, manche sehr klein, meist erscheint Alles sehr ordentlich und gepflegt. Hässliche Hochhäuser und Plattenbauten treffen wir nur in Jesenice (dort sind wir schon einmal durchgefahren) und später in Nova Gorica an. Unterschiede gibt es – im Süden erinnern die Häuser viel mehr an Italien, häufig aus Feldsteinen, mit den typischen Fensterläden und gerundeten Ziegeln. Hier sind Rosen in orange, rosa und rot sehr beliebt und leuchten überall. Aber Unterschiede zwischen Arm und Reich sind jedenfalls nicht in dem Maße wie wir das gewohnt sind, zu sehen. Auffällig ist auch, dass wir selten eingezäunte Areale sehen, Seen, Flüsschen und Wälder sind überall öffentlich zugänglich und es reiht sich nicht ein Privatgrundstück an das nächste.

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[Dorf; südliches Haus; Plattenbau in Nova Gorica]

Ich frage nach der ökonomischen Situation in Slowenien. Einer der Radfahrer erklärt, nach seiner Ansicht sei der Staat weitgehend pleite. Es gäbe ein sehr gut gespanntes soziales Netz, jedoch würden wenige Steuern erhoben und die Korruption sei nicht weit vom „griechischen System“. Der Staat werde die Sozialleistungen nicht mehr lange finanzieren können. Ob das stimmt? Wir werden wohl wieder einmal recherchieren müssen.

In den neu angelegte Radweg jedenfalls, den wir jetzt nach Nova Gorica einschlagen, ist viel Geld geflossen. Er führt oberhalb der Soca und mal ober- mal unterhalb der Bahnlinie entlang, mit Markierung für entgegenkommende Radfahrer, solidem Holzzaun und Steinschlaggittern. Aber er ist noch nicht eröffnungsfähig, an manchen Stellen muss man sehr aufpassen, insbesondere in einem sehr schmalen Tunnel, der plötzlich aufwärts in eine Treppe (mit Schrägen zum Schieben mündet). Wenn da noch Gegenverkehr gekommen wäre, – da muss auf jeden Fall noch eine deutlichere Kennzeichnung hin. Der Radweg hat viele Steigungen und endet mit einen 18%-Stück. Wenn das wirklich 18% sind, hat der Wurzen aber 25%.

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 In Nova Gorica angekommen, haben wir leichte Orientierungsschwierigkeiten. Auf Herminos Navigationsgerät scheint das Zentrum rechts zu liegen, die Schilder zeigen nach links. Wir verlassen uns auf das Gerät und unser Gefühl und stehen plötzlich vor einem blauen Schild „Italien“. Aha – es handelt sich um eine zweite Stadt, Gorizia, das vormalige „Görz“. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt Jugoslawien einen kleinen Teil der Stadt, insbesondere den Bahnhof. In der Folge hissten die Italiener auf einer Anhöhe, dem Castello, eine riesige, weithin sichtbare Tricolore. Jugoslawien antwortete mit einem in großer Höhe angebrachten riesigen TITO aus steinernen Lettern.

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Nun ist auch klar, warum es mal Gorizia und mal Gorica oder Goriza hieß – es sind zwei Städte, der kleine Bahnhofsteil hat inzwischen eine „Neustadt“ hinzubekommen. In Gorizia findet gerade die jährliche „manifestazione storico“ statt, eine Veranstaltung, die sich mit den Weltkriegen auseinandersetzt, in jedem Jahr bestimmte Themen behandelt, dieses Jahr u.a. „die Jugend“ und internationalen Charakter haben soll. Ein Zimmer zu finden, ist deshalb nicht einfach. Schließlich finden wir einen Italiener, der uns zu einer alten Dame führt, die „bed und breakfast“ anbietet. Die Umgebung ist sehr speziell, aber wir schlafen dort beide prima in super gestärkten Laken von einer Qualität, wie sie heute kaum mehr zu haben sind…

 

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