19. Mai – Österreich-Abstecher und Vrsić

Wir brauchen die Regenjacken (s. Vortag).. Hermino beschließt daher, mal eben nach Österreich zurückzufahren. Manon will ihm bis Feistritz entgegenkommen, so spart er wenige Kilometer, aber immerhin 350 Höhenmeter. Die Südanfahrt vom Wurzen ist nicht so schlimm, aber zurück muss er den Pass ja noch einmal von Norden bewältigen.

[Hermino:] Es war schon gestern Abend klar, ich muss die Jacken selber holen. Zum Glück ist das ja nicht so weit, so dass das an einem Tag gut machbar ist. Von Podkoren ist der „Pass“ nicht wirklich der Rede wert, in 18 Minuten bin ich schon oben. Bei der Abfahrt kommen mir Jugendliche entgegen, einige schiebend. Die werden heute Abend ihre BetreuerInnen sicher verfluchen. Mit etwas Rückenwind flutscht es prima, Villach ist in einer Stunde erreicht. Am Drauradweg wäre unser Urlaub beinahe zu Ende gewesen: Zwei Inlinerinnen rollten nebeneinander mir entgegen. Sie sehen mich zu spät und anstatt eine Gasse zu bilden zieht die Geister-Inlinerin im letzten Moment quer rüber – genau vor mich! Ich habe ihr Zahnfleisch gesehen, es fehlten nur sehr wenige Zentimeter…
Nach dem Adrenalin-Schock, lasse ich es etwas ruhiger angehen, nach 45 km und 1:45 h treffe ich Manon. Wir trinken noch einen Capuccino, dann mache ich mich auf den Rückweg.
HUCH? Was ist denn da unten los – die Beine fühlen sich aber doch etwas arg schwer an. Na das wird ja noch lustig werden…
Die vermeintlichen Wellen und echten Spitzen tun heute weh – wäre mir gesterm Mittag klar gewesen, dass ich nochmal zurück muss, hätte ich mich nicht so verausgabt. Zu spät, da muss ich durch.
In Villach wird noch mal Koffein getankt, dann fahre ich bewusst langsam Richtung Wurzenpass. Direkt vor dessen Beginn wird (erstmals) ein Energiegel (mit Koffein) eingeworfen. Die ersten km haben „nur“ 12 %, die komme ich ganz gut hoch und mache erst vor der eigentlicen Rampe eine Pause. (Natürlich nur um noch Fotos zu machen! Räusper.)

DSC_0301[Es ist so steil am Wurzenpass, dass Bremswege freigehalten werden und – wie man sieht, wenn man das Bild anklickt – für die, die auch das nicht schaffen, ein paar Reifen zum Abfedern bereitliegen]

Alla hopp, auf geht’s. Mein Garmin springt sofort auf Steigungswerte von 20-23 %, ich denke an die Jugendlichen und dass ich keinesfalls schieben werde. Ein Straßenreinigungsfahrzeug kommt mir langsam entgegen – das muss aber sehr kräftige Bremsen haben, denn der Wassertank drückt sicher heftig nach unten. Wieder ein paar Dutzend Hm geschafft. Es wird flacher (18 %), bis zum Schild da vorne fahre ich (na ja, ‚krieche‘ passt eher) noch, dass einem 15 % als Erholung vorkommen, ist auch selten, die Kurve noch, yesssssss – ich habe die Rampe in einem Stück geschafft. Zwar unter Aufbietung der letzten Körner, aber immerhin. Auf der Passhöhe bin ich nach 45 Minuten. Die kurze Abfahrt ist eine Genuss, in Kranjska Gora mache ich eine längere Pause.

Ich kann mir schon vorstellen, wie Hermino auf die Tube drückt und bin nicht dafür, dass er nach dieser Strapaze noch das Gepäck abholgt und auf den Vrsić fährt. Und wir wollen heute hinauf, denn der Pass soll wunderschön sein und ab morgen ist wieder Regen angesagt. Also nochmal ein Gepäcktransport. Ich fahre nach Kranjska Gora, gönne mir einen gemütlichen Kaffe, schreibe Postkarten, erledige ein paar Anrufe und genieße das noch gute Wetter. Um 12.30 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Vrsić. Leider komme ich kaum voran, denn ich muss mich zwingen, nicht alle drei Meter anzuhalten und zu fotografieren. Ein beeindruckendes Panorama, ein hübscher Wasserfall, ein breites Flussbett, ein See mit einem steinernen Steinbock – die lebenden soll es im Triglavgebirge vielfach geben. Es ist zu schön, um wahr zu sein.

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Ich kann ja nicht Alles fotografieren, also fahre ich mal ein Stückchen. Ein ehrgeiziger Rennradfahrer überholt mich mit ordentlicher Trittfrequenz. Auf sein Tempo bin ich nicht neidisch, an diesem Berg kann man gar nicht langsam genug sein. Aber die Beine: schlank und braun, so was hätte ich auch gern.

Nach vier Kilometern mit unregelmäßigen Steigungen (nach dem Wurzenpass und gut gelaunt wie ich bin, kann mich gerade sowieso nichts beeindrucken), ist oberhalb der Straße die russische Kapelle zu sehen. Ich steige ab, trage mein Rad in das Waldstückchen. Es ist als Erinnerungsort gestaltet, ein kleiner bemooster Brunnen, eine hübsche Holzbrücke. aufgehäufte Steinchen auf einem Kreuz.

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Die Kapelle wurde von russischen Kriegsgefangenen 1916 erbaut, als hunderte ihrer Kameraden und auch eine Reihe österreichischer Aufseher durch eine Lawine in den Tod gerissen wurden. Die Russen waren gezwungen worden, die Straße über den Vrsić auszubauen, um den Nachschub für die berüchtigte Isonzofront zu sichern. Isonzo ist der Name für die heutige Soća, einem Flüsschen in einem wunderschönen Tal. An der Isonzofront starben im ersten Weltkrieg sinnlos hunderttausende Soldaten unter schrecklichen Umständen. Teilweise wurde mit Sprengungen gekämpft, die Gegner konnten die Vorbereitungen beobachten, durften oder konnten nicht abziehen und wurden mit ganzen Felszügen in die Luft gesprengt. Hier in der Gegend gibt es dazu einige Museen – wir haben gehört, dass die Ausstellungen nicht ganz einfach zu verkraften sind. Die Erinnerungskapelle steht jetzt friedlich in dem Waldstück, sie wurde von den Erbauern mit Zwiebeltürmchen, Holzschindeln und Rindenstücken kunstvoll geschmückt.

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Immer wieder vom Ausblick begeistert, steige ich noch mehrfach zum Fotografieren ab. Aber irgendwann entschließe ich mich dann doch durchzufahren zur Hütte. Ich brauche nach jedem Abstieg 30 Umdrehungen, bis meine Beine wieder tun, das Anfahren schmerzt jedesmal etwas. Besonders beeindruckend ist auf dem Weg noch der riesenhafte Berg Prisank mit seinem „Fenster“ und dem „Mädchengesicht“ – ich kann zuerst nicht glauben, dass das eine natürliche Felsformation ist. Später gucken wir aus unserer Hütte direkt darauf (Bild s. nächster Beitrag).

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Die Erjacova-Hütte auf 1525 m ist wenig frequentiert heute. Die Saison beginnt – zu unserem Glück – erst Mitte Juni. So bin ich auch keinem einzigen Bus und wenigen Motorradfahrern begegnet. Nachdem ich unser Gepäck sortiert und das verschwitzte Zeug gewaschen und in den Wind gehängt habe, setze ich mich mit Zeitung und Fotoapparat vor die Hütte und warte auf Hermino.

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[Ansichten der Passstraße]

[Hermino:] Wie schön die Auffahrt ist – bzw. sein soll – hat Henriette ja schon beschrieben. Die Aussicht ist wirklich phänomenal, aber ich quäle mich doch arg hoch. Die letzten Tage und Stunden stecken in den Beinen, ich muss sehr häufug Pause machen und schaue dem Auto mit Fahrradträger sehnsüchtig hinterher. Die Kopfsteinpflasterkurven sind extrem nervig: es rollt nicht und sie sind – anders als sonst in den Alpen – nicht flach, sondern besonders steil. Ich finde keinen Rhytmus, denn die Steigung wechselt permanent zwischen moderaten 5-7 % und fiesen 15-18 %-Rampen. Auf der Höhe von 1300 Metern fällt mir ein, dass ich einen Zahlendreher im Kopf habe, ich muss auf 1540 Meter und nicht auf 1450 – habe also 100 mehr vor mir.

Da kommt er ja endlich in der Ferne:

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Endlich sehe ich Henriette über mir und denke „bitte keine Fotos“. Von der ursprünglichen Idee, wie es sich gehört ganz bis zur Passhöhe hochzufahren, nehme ich Abstand und überreiche das Rad auf dem Parkplatz…

Henriette:   13 km,   850 hm

Hermino: 101 km, 1565 hm

 

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