14. Juni – von Mileto nach Messina (Sizilien !)

Hermino lässt sich überzeugen, dass wir es mit frühem Losfahren probieren könnten und es gelingt: Um 7 Uhr sind wir unterwegs. Nachdem uns die vielen Ruinen und Bauruinen seit Tagen beeindrucken, mache ich unterwegs nochmal eine Reihe von Fotos:

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[Sehr unterschieliche Beispiele von „abgebrochenen“ Bauvorhaben und Zerfall, die sicherlich auch sehr unterschiedliche Hintergründe haben]

Wir wissen natürlich nicht, in welchen Fällen bei den offensichtlichen Fehlinvestitionen Subventionsbetrug im Spiel war und inwiefern die Mafia in ihren verschiedenen Spielarten verwickelt ist. Ersichtlich und traurig ist die wirtschaftliche Dysfunktionalität: Was für Unsummen und wieviel Arbeit sind in halbe Brücken, dreiviertel fertige Riesenbauten geflossen. Und wie schade, wie viele schöne, alte Häuser auch verfallen.

Insgesamt ist der Einfluss der Mafia jedenfalls stark und schädigt die Wirtschaft enorm: „Der Einfluss der mafiösen ’Ndrangheta in Kalabrien ist sehr stark. Bis zu 70 % der dort ansässigen Unternehmen sollen an sie Schutzgeld zahlen, die restlichen 30 % sollen direkt von ihr kontrolliert werden. Die ’Ndrangheta erwirtschaftet vermutlich über drei Prozent des BIP bzw. 44 Milliarden € steuerfrei. Die Korruption führt zu einem fortwährenden Braindrain in den Norden und in das Ausland.“ (Wikipedia). Sowohl in Kalabrien als auch in Sizilien gibt es allerdings auch Antischutzgeld- und Antimafiabewegungen. Die Organisation „Libera terra“, die „mafiafreien“ Wein anbaut und verkauft und Zusammenschlüsse von Selbständigen. Die entsprechenden Geschäfte sollen mit „Addio pizzo“ (Tschüß Schutzgeld“) gekennzeichnet sein. Wir haben solche noch nicht gesehen, der Schwerpunkt solcher Bewegungen liegt aber sicherlich auch eher in Großstädten wie Napoli in Kalabrien und Palermo in Sizilien. Ziemlich schrecklich ist aber, dass die Anti-Mafia-Bewegungen, die in den 90er Jahren v.a. mit der Ermordung Falcones und Borsellinos Aufschwung gewonnen hatten, dadurch diskreditiert werden, dass sich auch in diesem Rahmen wiederum Korruption und Opportunismus breitmachte. Wir haben nur von Einzelfällen gelesen, solche sind aber natürlich geeignet, das sowieso vorhandene Misstrauen in „die Politik“ weiter zu befördern und den Erfolg solcher Bewegungen zu untergraben

Zurück zur Tour: Heute begegnen uns von Anfang an zahlreiche Rennradfahrer, – ach ja, es ist ja Sonntag. Schon um kurz nach 10 Uhr haben wir nach frühen Aufbruch unseren heutigen Aufstieg auf ca 550 Meter geschafft. Die Bar oben ist ganz offensichtlich ein beliebter Treffpunkt der Radfahrer und wir treffen eine kleine Gruppe – dabei die erste Frau, die wir sehen. Doch – „c’e ne sono, lei e la piu forte pero!“ – bekommen wir Auskunft: Doch doch, auch Frauen fahren, auch wenn sie natürlich die Stärkste ist! Und nicht jung: „Sono nonna“ – ich gebe zu, das beneidenswert zu finden und sie kommentiert: „ho tre figlie“ – Ich trumpfe auf: „Noi abbiamo quattro!“ – wir haben vier, aber bei den schon zwei Enkelkindern können wir trotzdem nicht mithalten.

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Wir pausieren noch ein bisschen, rollen dann herunter und erhaschen dabei den ersten Blick auf unser Ziel, Sizilien!

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Wir fahren dann bis kurz vor Scilla, wo wir einen netten kleinen Strandabschnitt entdecken, allerdings bewirtschaftet, so dass wir wohl bezahlen werden müssen, aber das stört uns nicht – es gibt ein bisschen Schatten unter den Felsen und wir können auch unter einem großen aufgespannten Dach gemütlich Cola trinken. Der Wirt erlaubt uns, unsere Fahrräder in seinen Felsenunterstand zu stellen, es gibt zum Umziehen eine Kabine. Eifrig schleppen er und seine Helfer Schirme und Liegen hin und her. Die Schirme müssen allerdings geschlossen bleiben, weil Wind aufgekommen ist.

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[Der kleine Strand nach rechts und links und Hermino im Schatten]

Wir legen uns in den Schatten, schwimmen und lesen, fotografieren und beobachten Fischerboote, in denen auf meterhohen Masten oben Männer sitzen, die irgendwie das Meer beobachten. Der Wirt erklärt mir, dass es sich um verschiedenen Fangmethoden handelt: die einen Bootstypen fangen wohl große Schwertfische, (wenn ich das richtig verstanden habe) mit Harpunen, in den anderen werden die Fische zwar auch von oben gesichtet, aber mittels Netzen eingefangen.

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Als wir uns nach einigen Stunden schließlich aufmachen, will ich bezahlen: Was kostet der Spaß? Wieso, ich hätte doch meine Cola schon bezahlt, bekomme ich zur Antwort. Ja, aber: der Service, die Liege, die Kabine, der Strand? Das ist ein Strand, ja und? – ein Strand eben! Und dafür rennt der Mensch den ganzen Tag herum und schleppt sich ab!

Nach Villa San Giovanni, von wo aus die Fähre uns nach Sizilien bringen soll, sind es noch ca. 10 Kilometer – es ist heiß und da wir so früh dran sind, lassen wir es langsam angehen und fotografieren unterwegs noch ein bisschen.

Die Fähre nach Sizilien kostet uns und unsere Fahrräder dann gerade mal 6 Euro. Mindestens 150 Autos, auch mehrere Busse darunter, finden auf dem Schiff Platz – so groß sieht es gar nicht aus. Und nach 20 Minuten können wir sagen: GESCHAFFT – siamo arrivati in Sicilia! Nach deutlich über 2000 Kilometern und mehr als 20.000 Höhenmetern, wie schön. Wir übernachten in Messina, einer großstädtisch wirkenden, geschäftigen Hafenstadt, die vor gerade einmal 107 Jahren noch durch ein Erdbeben völlig zerstört wurde.

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 [Gleich in Sizilien]

80 km, 830 Hm

14. Juni 2158 km, 21460 Hm

Hermino zusätzlich: 146 km, 2515 Hm

 

 

 

 

 

 

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