13. Juni – von Amantea über Pizzo nach Mileto

Ich wache wie fast immer gegen 6 Uhr auf, heute genauer gesagt, um 5.30 Uhr. Da ich von der Hitze mehr als genug habe, beschließe ich, früh loszufahren und mich mit Hermino später zu treffen.

Wunderbar – um 9.15 Uhr schon komme ich nach ca. 60 km in Pizzo an. Das ist doch mal was ganz Anderes. Ich muss wieder überwiegend Bundesstraße fahren, aber die ist so früh auch noch nicht so voll. Und mir kommen auf der Superstradale viele andere Fahrradfahrer/innen entgegen, die auch hier fahren – wie das? Für die italienischen Sportfahrer/innen kann das doch nicht so interessant sein? Nein, es sind durchgehend Menschen schwarzer Hautfarbe und ausschließlich Männer. Am nächsten Tag sehen wir, dass sie sich an bestimmten Plätzen sammeln – Tagelöhner, die irgendwie ihr Leben bestreiten müssen. Und das in einer Gegend mit einer Arbeitslosenquote bei ca 50%! Wir haben inzwischen nachgelesen. Natürlich braucht Italien dringend Unterstützung bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Es wird uns hier noch einmal sehr plastisch klar und nachfühlbar, auf was für einer Wohlstandsinsel selbst in Europa wir in Deutschland leben und welche Macht damit verbunden ist.

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[Dieses Bild der abgestellten Fahrräder an einem Sammelplatz ist am nächsten Tag aus dem Fahren geschossen – die Menschen will ich nicht fotografieren. Sie freuen sich sichtlich, wenn wir von Fahrradfahrer/in zu Fahrradfahrer grüßen – ein kurzer Moment auf einer anderen Ebene als auf der des Bittstellers. Was für ein schwieriges Leben und was für eine Fähigkeit bei Vielen, trotzdem Fröhlichkeit auszustrahlen – zumindest für den Moment].

Einmal kann ich 5 km von der Bundesstraße abweichen und die letzten 7 km vor Pizzo können auf einer kleineren, aber sehr welligen Straße zurückgelegt werden. Pizzo ist ein sehr touristischer Ort mit weißen Stränden, der erste Ort an der Landzunge, an der Tropea die bekannteste Touristenattraktion ist. Ich fahre ins Zentrum, dass weit über dem Strand thront und setze mich mitten auf den touristischsten Platz in ein Cafe – Preise sind mir jetzt einmal egal. Drei Stunden später, als Hermino dazugekomen ist, bezahlen wir für drei Coca Cola, einen Capuccino und ein gefülltes Cornetto 10 Euro – das ist nun wirklich nicht zuviel. In einem kleinen Lebensmittelladen hole ich den Rest der Verpflegung: 2 dick mit Schinken belegte Panini, zwei große Stück Sciacciata und eine 1,5 Literflasche Limonade: 4 Euro irgendwas. Das war nun keine Touristenladen, aber trotzdem – seinen Lebensunterhalt bei diesen Preisen zu bestreiten, kann nicht so einfach sein.

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[Hermino:] Ich bin schon etwas überrascht, als ich im Halbschlaf mibekomme, dass Henriette schon alleine losfahren will. Aber warum nicht. Als ich später in die Hotellobby herunter komme, werde ich aufgeregt begrüsst – eines der beiden Räder, die wir in der Bar geparkt hatten, sei weg… Da Henriette wegen des spontanen Beschlusses nicht Bescheid geben konnte, war auch der Frühstückstisch für zwei Personen gedeckt – und für italienische Verhältnisse ausserordentlich reichhaltig. Dennoch fahre ich etwas verärgert los, denn dass Abendessen war zum Einen nicht gut gewesen und dann recht teuer, was ich aber erst beim aus-checken merke. Wir wollen uns diese Lektion merken und ggf. immer auch die Speisekarte mit den Preisen vorlegen lassen.
Bei meiner Fahrt sehe ich manchmal Frauen – farbige! – die an kleinen Parkplätzen (vermutlich) auf männliche Kundschaft warten, was angesichts der Umstände irgendwie bedrückend ist. Aber ich habe auch ein schönes Erlebnis: Bei einem kurzen Halt hält umgehend ein Auto neben mir und der Fahrer fragt, ob ich Probleme habe. Er sei auch Rennradfahrer, und kenne solche Situationen. Ich kann ihn aber zum Glück beruhigen. Nach knapp zwei Stunden erreiche ich den Ortsrand von Pizzo – die deutliche Steigung in den Ort herein vermasselt mit aber leider das Ziel „unter zwei Stunden“. Auf dem Vorplatz der Kirche läuft dafür der Schweiß in Strömen und ich verstehe den Sinn des nächtlichen Aufstehens…

Hermino, der ja – anders als ich – in der Hitze gefahren ist, ist ziemlich erschöpft angekommen und wir beschließen, an einen der kleinen städtischen Strände zu gehen und finden tatsächlich ein Plätzchen mit Schatten, nicht am Strand, sondern unter einem kleinen Betonüberhang gleich daneben, aber es geht. Das Wasser ist klar, am Strand, wie häufig auch eine Dusche zu finden.

Um kurz vor vier machen wir uns auf den Weg zum Aufstieg nach Mileto. Wir fahren nicht an der berühmten Küste entlang, sondern kürzen durchs Inland ab. Um nach Mileto zu kommen, wo wir ein B& B (die heißen hier in Italien, wo kein Mensch mehr als drei Worte englisch spricht, wirklich alle bed & breakfast) müssen wir von Meereshöhe auf über 500 Meter und dann wieder auf ca. 300 Meter herunter. Ich bin etwas frustriert als wir schon etwa 70 Meter hochgefahren sind und es wieder auf Null heruntergeht – das Ganze dreimal. Aber nach fünf Stunden Pause ist der Aufstieg heute dann auch in der Nachmittagshitze nicht so schlimm.

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[Der schönste Straßenabschnitt von Mileto]

Mileto entpuppt sich als ein wenig attraktives Straßendorf. Der ursprüngliche Ort wurde bei eine Erdbeben völlig zerstört und 2 km entfernt wieder aufgebaut. Dort wurde dann ein Dom erbaut, der einem weiteren Erdbeben nicht standhielt; er wurde aber rekonstruiert. Die interessanteste Geschichte, die uns in Mileto begegnet, ist die von Natuzza Evolo: Sie lebte hier, wurde vor wenigen Jahren hier begraben und es kamen 30.000 Menschen, auch aus dem Ausland (!) zur Beerdigung. Die Frau stammte aus einer armen, kinderreichen Familie, kam nicht in den Genuss einer Schulbildung, sondern musste ihre Geschwister großziehen und soll früh „Phänomene“ gehabt haben: Z.B. öffneten sich Wunden, ohne dass die Ärzte eine Erklärung finden konnten und schlossen sich später wieder – was mit den Wunden Jesus‘ in Verbindung gebracht wurde. Vor allem aber hat Signora Evolo sich wohl für Arme und Benachteiligte sehr eingesetzt und auch die Kirche dafür gewinnen können.

 

85 km, 720 hm

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