11. Juni – von Terranova nach Marco Argentano

Es sei vorausgeschickt: Die heutige Etappe wird sehr schön und sehr anstrengend. Und ich bin – eigentlich seit Matera – sehr erschöpft. Ich weiß nicht recht warum, ob es an der Hitze liegt oder ob ich ein bisschen krank war – Magen- und Bauchschmerzen. Jedenfalls reicht die Kraft gerade nicht weit und abends will ich nur noch schlafen, keine Berichte mehr schreiben und auch sonst nix mehr…

Es geht also gleich los mit einer kleinen Abfahrt und dann im Kaltstart eine längere Steigung von 15%, dann immer weiter zwischen 10% und 15%. Nach einigen Kilometern wird es etwas flacher und Hermino ist der Ansicht, jetzt bliebe das so, dafür würde sich die Sache aber noch hinziehen. Denkste, nach der nächsten Kurve wird es gleich wieder steil und bleibt es auch, eingestreute Rampen bis etwa 20% erfreuen uns. Einmal falle ich fast um, weil sich mein Vorderrad von der Straße hebt und ich – am Kraftende – kaum noch die Koordinationsfähigkeit habe, es wieder auf den Boden zu bringen. Die Landschaft ist jedoch grandios und so vergesse ich bei jedem etwas flacheren Stück sofort wieder die Strapazen. Mit unserer kleinen Kamera können wir den Wechsel zwischen lieblichen Hügeln, blühender Vegetation und rauhen, steilen Gipfeln kaum einfangen.

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Solange wir noch in der Basilikata sind, ist die Straße auch asphaltiert. Den Beginn von Kalabrien erkennt man ganz einfach daran, dass der Asphalt ab dort fehlt bzw. weitgehend fehlt. Doch, doch, kann man mit Fahrrädern gut fahren, hatte unser netter junger Hotelier gesagt. Ab Kalabrien geht es ja dann auch herunter. Irgendwann schon, erstmal geht es noch einige Zeit herauf – nun auf Schotter, Fels und Erde und es kommt der Punkt, an dem ich zum ersten Mal auf dieser Reise ca. 25 Meter bergauf schiebe. Erstens ist es enorm steil, zweitens bin ich in einer Furche gelandet und habe wirklich keine Lust, auf diesem Untergrund umzukippen. Hermino fährt natürlich samt Anhänger hoch. Der Pass liegt nach ca. 10 km Anstieg auf knapp 1300 Meter – damit ist die Sache jedoch noch nicht ausgestanden – siehe weiter unten. Zunächst geht es aber abwärts, allerdings nicht viel schneller als aufwärts, denn der Untergrund erfordert Konzentration, Geschick und Langsamkeit.

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Und so gibt uns auch bald eine weitere Panne an Herminos Hinterrad Zeit, die Landschaft noch einmal ausgiebig zu bewundern. Den Pollino-Nationalpark kann ich wirklich ohne Einschränkung empfehlen, vielleicht an einigen Stellen eher zum Wandern als zum Radfahren… Liebe Alma, kennst du die Panzerkiefer, auf italienisch pino loricato – sie sieht wirklich besonders aus, leider habe ich kein Bild, du musst im Netz gucken. Sie ist der „Symbolbaum“ des Parkes.

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Vor San Lorenzo Bellizzi beginnt langsam eine, hm, Teilasphaltierung und dann müssen wir nochmal ein Tal und einen schönen Anstieg bewältigen, bevor wir in dem Dorf mit einem gut erhaltenen Altstadtkern ankommen. Unser Eindruck ist hier wieder, dass die verschiedenen Bergdörfchen und – städtchen, die wir sehen, irgendwie „funktionieren“, – anders als viele Gegenden in der Ebene und am Meer. Uns ist nicht recht klar, wie die Bewohner/innen das hinbekommen, aber Häuser und Umgebung wirken überwiegend gepflegt, auch wenn das Eine oder Andere leersteht oder eine nicht weitergeführte Baustelle uns mit leeren Fenstern groß ansieht. Trotzdem: Überall Blumen, Rosen, Geranien, blühende Kakteen… hier in Bellizzi wie in Terranova. Sehr freundliche Menschen. Sehr gutes Essen. Ziegen- und Schafskäse, Schinken und Salami werden hier hergestellt. Aber wie das geht? Wir waren die einzigen Gäste im Feinschmeckerrestaurant „luna rossa“ und, nachdem eine italienische Familie abgereist war, auch die einzigen Gäste im Hotel  pino loricato,  wo wir aber hervorragend bewirtet wurden und am Ende für zwei Nächte mit opulentem Frühstück (gar nicht italienisch), ein Mittagessen, etliche Cappuccino und ein Abendessen mit Käse, Wurst, Schinken und Wein 120 Euro bezahlt haben. Ihr seht – das beschäftigt uns. In Bellizzi in der Bar sind wir jedenfalls die Attraktion des Tages: „Nein, aus Terranova könnt ihr nicht gekommen sein, den Weg kann man ja mit Fahrrädern nicht fahren!“ Uns wird extra ein Tischchen vor die Bar gestellt, mehrfach angeboten, uns Frühstück zu machen, Cornetti?, Panini?. Wir sind aber schon in Terranova so gut versorgt worden, dass es uns an nichts mangelt. Wohin wir denn fahren? Nach Marco Argentano? Ja, da sind alle Straßen asphaltiert, wir sind ja hier nicht in Afrika! Aber von Terranova hierher? Das ist ja was Anderes – c´e la montagna! Marco Argentano jedenfalls ist „stupendo“, ja Bellizzi ist auch sehr schön, aber Marco Argentano – das hat noch mehr Geschichte, mit einem normannischen Turm und einer ganz, ganz sehenswerten Kirche. Ihr findet leicht dahin – jetzt kommen noch mal 5 km Anstieg – non troppo dura – und dann geht es von 1000 Meter auf Null. Nicht erwähnt wurden die 400 Meter wieder hoch nach Marco San Argentano.

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Der Anstieg ist etwas länger als 5 km, aber tatsächlich harmlos im Vergleich mit dem, was wir heute schon gefahren sind und die Abfahrt ist prima auf asphaltiertem Untergrund. Wir stoppen allerdings immer mal wieder, weil wir Fotos von der Landschaft und uns gegenseitig – und den Blumen, Insekten, Vögeln machen müssen. Bei der Abfahrt erhaschen wir plötzlich einen Blick auf’s Meer, was ich mir gar nicht erklären kann  – so weit können wir doch noch gar nicht sein? Es ist tatsächlich noch nicht das Mittelmeeer, wir sind wieder soweit an die Adria herangefahren! Und dann geht es wirklich auf Null.

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Die Berge auf der Ostseite Italiens werden hier von denen auf der Westseite durch ein breites Flusstal getrennt. Es ist heiß und staubig, oft vermüllt, wir machen Pause in einem Städtchen, „Doria“, dessen Anziehungskraft sehr gering ist. Mangelnde Schönheit und Ablenkung lässt meine Erschöpfung jetzt voll durchkommen und ich kann das Fahren kaum noch genießen. Dazu kommen jetzt wieder einmal 15 km Superstradale – und was für eine Autobahn-artige Straße, – ohne Alternative, dafür mit langer und enger Baustelle. Sonst sind die italienischen Autofahrer eher gelassen (insbesondere im Vergleich zu den kroatischen), aber hier meint ein LKW-Fahrer Hermino von der Straße hupen zu können – nur wo sollte er hin – fliegen kann er ja (noch) nicht.

weitere Bilder folgen noch…

Schließlich folgte der Anstieg nach San Marco Argentano, zunächst sanft, in den Ort hinein dann sehr steil. Das gebuchte bed und breakfast erweist sich wieder als voller Erfolg und das Städtchen – wenn auch weniger hoch gelegen, ähnlich wie die anderen Bergorte – als schön.

Wir besichtigen noch den Normannenturm – von außen – er ist schon geschlossen, stolpern zwischendurch darüber, dass auch die Italiener, lieber Ludwig, deine Firma kennen und nutzen (s. Bild) und gehen wunderbar auf Empfehlung unseres Vermieters essen, in einer kleinen „Enoteca“, in der uns stolz Weinsorten aus allen Regionen Italiens vorgeführt werden, besonders viele aber aus Kalabrien. Wir trinken einen Magliocco vom Weingut …. und schlafen nach dem 14%igen Trunk sehr gut.

94 km, 1300 Hm

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